...über Die Mausefalle

Behagliche Spannung
Christoph Daigl gelingt ironisch feiner „Whodunit“

Ein Kinderkrimi, der „Die Mausefalle“ heißt, trägt eine schwere Bürde. Es muss zwar nicht so lange laufen wie Agatha Christies „Mausefalle“ in London. Die steht immerhin seit 1952 auf dem Spielplan. Nein, die Mausefallen-Bürde ist die: Es muss sich wie Agatha Christie anfühlen. Und doch Kindern ab acht Jahren Spaß machen. Das Theater Kopfüber hat es versucht. Christoph Daigl hat eine Mausefalle geschrieben und inszeniert. So gut, dass er sich nun Christie Daigl nennen dürfte. Also, Christoph Daigl zitiert an altenglischen Krimi-Klischees herbei, was nur zu haben ist: Nebel, Gewitter, Stromausfall, ein totes Telefon, ein einsames Landhaus, eigentümlicher Landadel. Mindestens einen merkwürdigen Todesfall gibt es auch. Daigl jongliert damit so wunderbar ironisch, dass es ein Vergnügen ist zu sehen, wie er das Genre erfüllt und es dabei behutsam auf den Arm nimmt. Die Kunst einen Krimi, einen „Whodunit“ nach Agatha-Christie-Muster, zu schreiben, beherrscht er auch. Er legt falsche Fährten ohne Ende. Jede, aber auch jede der fünf Personen gerät mindestens einmal unter Verdacht: Ist das Hausmädchen geflüchtet? Was hat der Fremde mit den Sumpfschuhen vor? Will Lady Cynthia ihren Gatten loswerden? Oder der seinen Bruder? Oder der ihn? Plausible Motive gibt es zuhauf. Claudia Kucharski hat das passende Zimmer dafür entworfen: Britische Nostalgie pur, wie ein Szenenbild aus einem Miss-Marple-Streifen. Im Landhaus der Thistlethorn-Smythe ist die Zeit stehen geblieben. Ein Handy scheint ein Anachronismus. Die Ambiente-Vorgaben nimmt Daigl exakt auf. Er inszeniert nicht ohne Rafinesse und hübsche Skurrilitäten eine behagliche Krimi-Atmosphäre hinein. Tristan Fabian ist ein alerter Überraschungsgast mit rutschender Hose. Nina Neuner verstrahlt als Lady Cynthia unterschwellig glühende Noblesse – und, wo angebracht, ein wenig Zickigkeit. Eine Extra-Verwandlungsleistung serviert Knut Fleischmann in seiner Zwillingsrolle: weltläufiger Charmeur und bärbeißiger Alter. Kurzum: gepflegte Spannung. Nicht nur für Kinder.
(Thomas Wirth, FLZ, 05.10.11)


...über Pinocchio

Kleiner Bub mit großem Herz. Theater Kopfüber gibt Stück als Wanderbühnen-Vorstellung.


Das gibt es nicht alle Tage: eine doppelte Premiere. Das Theater Kopfüber bringt sein erstes Freilichtstück heraus. Und der Ansbacher Museumshof wird – nach Dinkelsbühl, Rothenburg, Bad Windsheim und den zwei Feuchtwanger Spielorten – zur sechsten festen Freilichtspielstätte in der Region. […] Am Samstag hatte „Pinocchio“ Premiere. Wundersam ausgestattet, anrührend gespielt […]. Der lange Zeigefinger, der in „Pinocchio“ immer wieder mit einem Ratsch durch die Geschichte stößt, lässt sich gar nicht leicht in die Hosentasche stecken. Thomas Herr hat ihn aber in seiner Fassung gut gebändigt. […] [Sein Pinocchio] ist halt ein Junge, der größer wird, Abenteuerliches erlebt und dabei reift. Ein weites Herz hat er von vorneherein. Aber das allein reicht nicht. Ein bisschen Vernunft und Durchblick wären auch ganz gut. Es gibt ja Ganoven wie den Kater und den Fuchs, die mit wahnwitzigen Renditen winken, und es gibt einen Unternehmer wie den Puppentheaterdirektor, der drauf und dran ist, die Grundlage seines Wirtschaftens zu vernichten, wenn er Puppen verschürt, weil er damit ordentlich Feuer für den Braten hat. Ein sehr heutiger Stoff also. Oder ein übervorgestriger. Zeitlos, wie Märchen so sind. Passenderweise ist auch die Spielsituation aus der Zeit gefallen. Das Theater Kopfüber und Regisseur Thomas Herr, der sogar noch die Musik geschrieben hat, spielen sozusagen Freilicht nach historischer Maßgabe. Es sieht so aus, als hätte eine Wandertruppe, so wie vor 60, 100, 130 Jahren hätte unterwegs sein können, im Museumshof ihre Bühne aufgeschlagen. Und die muss man gesehen haben. Sie könnte aus einem Fellini-Film entliehen sein. Claudia Kucharski, die Bühne und Kostüme entworfen hat, hat zusammen mit der Malerin Sissi Jander eine herrlich abgenutzte Kulissenbühne geschaffen. Die erzählt, so wie sie dasteht mit ihrem grauen Bretterboden, den pathetischen Dekorationsmalereien und ihren abblätternden Farben, von mühseligen Wanderjahren und von der Phantasie, die noch aus den ärmlichsten Verhältnissen Poesie- und Wahrheitsfunken schlägt. Thomas Herrs Regie […] macht einen großen Bogen um vordergründige Effekte, so groß ist der Bogen, dass Pinocchio nicht mal eine lange Nase bekommt. Der ist einfach ein Junge wie tausend andere auch. Im Spielstil findet sich das wieder. Wie fahrende Komödianten auf einem Marktplatz auftreten, agieren Claudia Kucharski und Christoph Daigl in zweimal vier Rollen: holzschnitthaft, nicht ohne Ironie, immer ein wenig zu großspurig. Kucharskis fetter Kater zum Beispiel ist hinreißend schmierig, ihre blaue Fee eine eigenwillige Mischung aus Märchentraum und dessen Parodie. Daigl gibt etwa einen nöligen Puppenspieler oder den aasigen Fuchs. Manchmal haben die beiden etwas von hölzernen Puppen an sich. Man merkt dann: Pinocchio, der geschnitzte Holzbube, ist ja viel natürlicher, menschlicher als alle anderen. Monika Reithofer lässt ihn mit kindlichem Eifer von Abenteuer zu Abenteuer rennen. Offen, neugierig, arglos, herzlich.
(Thomas Wirth, FLZ, 06.06.11)


... über Afrika

Zoom in zwei Kinderseelen. Witziger und anrührender Text – Christoph Daigl inszeniert dichte Spielszenen.


Mit „Afrika“ hat Lisa Sommerfeld ihr bisher einfachstes und kleinstes Stück geschrieben. Aber einfach heißt ja nicht simpel, und klein nicht unbedeutend. „Afrika“ hat viel zu bieten. So viel, dass man sich auch als Erwachsener keine Sekunde langweilt, viel zum Wiedererkennen findet und vielleicht sogar ein paar Einsichten mit nach Hause nimmt. […] In „Afrika“ zoomt sich Lisa Sommerfeld in zwei Kinderseelen hinein – und der Regisseur Christoph Daigl arbeitet das mit seinen zwei Schauspielern Claudia Kucharski und Arno Friedrich so fein und klar heraus, dass seine Inszenierung modellhafte Züge hat. […] Konsequent entwickelt Daigl die Geschichte von Anna und Jakob aus deren Perspektive, so konsequent, dass die Mutter aus dem Off nicht mehr spricht, wie es im Textbuch steht. Jakobs Mutter trompetet Befehlsblabla. Was sich recht streng anhört, aber auch quäkend komisch ist. Und Kucharskis Bauklotz-Bühnenbild lässt sich mit ein paar Handgriffen in verschiedene Dinge und Räume verwandeln. Das gibt der Aufführung auch ihren Rhythmus: dichte Spielszenen, getrennt durch Umbauten (mit Dschungelmusik von Robert Stephan) zum Gucken und Durchatmen. Ihre Anna zeichnet Claudia Kucharski selbstbewusst und mit kindlicher Raffinesse. Arno Friedrich gibt dem Jakob tragikomische Züge: Der bemüht sich fast verzweifelt, ein echter Mann zu sein, einer, der alles im Griff hat und nie Schwächen zugibt. Die Realität und seine Alpträume holen ihn aber zuverlässig ein. Am Ende nach zweimal missglückter Afrika-Reise, muss das Erlebte irgendwohin. Im Kinderzimmer verpuffen Frust und Ängste in einem Satyrspiel mit Stoffpuppen. Sage keiner, dass Spielen unnütz ist.
(Thomas Wirth, FLZ, 28.03.11)



...über Don Quijote

Die Träume aus dem blauen Wohn-Schrank

Christoph Daigl und Sylvia Kühn verwandeln den dickleibigen Roman in ein herzerwärmendes Stück für Kinder

Für die Uraufführung an diesem herbstlichen Samstag müssen die Leute vom Theater Kopfüber ihr Theaterchen einfach genommen und es samt allen Zuschauern nach Kastilien verschoben haben. Im Saal selbst ist es jedenfalls so gemütserwärmend warm, dass nur die Sonne Spaneins ihn aufgeheizt haben kann. […] Jeder, der die „neuen Abenteuer des erfin­dungs­reichen Edelmann Don Quijote von der Mancha“ miterlebt hat, weiß natürlich, dass das Stück selbst ein Herzenswärmeofen sonder­gleichen ist, und dass es darum einem jeden roten Backen und ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Christoph Daigl hat ein paar Motive aus Miguel der Cervantes Saavedras  ausuferndem Roman in eine gute Stunde gepackt und sie nicht ohne Ironie und mit viel menschen­freund­lichem Humor in eine dankbare Spielvorlage verwandelt. Er rettet sogar den epischen Atem und die parodistische Formulierlust der Vorlage auf die Bühne herüber. So wie Sylvia Kühn, die Regisseurin, das Stück anpackt, wird ein Hohes Lied daraus, eine Hymne auf alle alten Kinds­köpfe, zauseligen Idealisten und unverdrossenen Weltzurecht­träumer. Die Handlung ist in gelbes Märchenlicht vorvergangener Zeiten getaucht und kann doch jederzeit spielen; eine Gitarre malt Spanien in die Luft; in einem blauen Alkoven, man sieht es wie durch eine Scheibe, sitzt im weißen Nachthemd ein Mann mit grauem Knebelbart und liest und liest und liest und lacht und weint dabei. Er wohnt und lebt in seinem Bett wie in einer Bücherburg und ist im Geiste doch auf großer Fahrt. Sein Treibstoff sind Romane, Ritterromane. Sie vertreiben ihm die Einsamkeit, und es scheint dass all die ledergebundenen Buchstaben-Abenteuer seinen Verstand nicht verwirrt, sondern erhellt haben und dass ihm die erdichtete Ritterlichkeit seiner Helden zur zweiten Natur geworden ist. Jedenfalls weiß er mit feinem Witz seine Würde zu verteidigen, wenn ein Pfleger in gedankenloser Berufsfreundlichkeit sein Pflegedienstprogramm abspult. Aber der Magie der Bücher entkommt auch er nicht. Der wunderliche Alte zieht ihn in seine Welt herüber. Und mit einem Mal steht Don Quijote vor einem. Die Bettpfanne wird zum Helm, ihr Deckel zum Schild, ein Gummiabstreifer zum Brustpanzer, ein Steckenpferd zur edlen Rosinante. Und der Pflegedienstleister zum Knappen Sancho Pansa. Samt Esel. Und schon reiten sie den Windmühlen entgegen, die an der Rückseite des Schrankbetts erscheinen. Sylvia Kühns Inszenierung hat zu diesem Zeitpunkt schon eine solche Intensität entwickelt, dass der Schattenkampf gegen die Windmühlenflügel aufs Trefflichste funktioniert. Komisch und schmerzhaft zugleich ist es, wenn Don Quijote zu Boden geht. […] Das, was den Ritter von der traurigen Gestalt ausmacht, seine Phantasie und seine Fähigkeit, hinter die Dinge zu schauen, zeichnet auch diese Produktion aus. Sylvia Kühn und ihre Ausstatterin Claudia Kucharski spielen mit den Dingen und verwandeln sie durch Phantasie und jenen heiligen Eifer, mit dem nur sich ernsthaft spielen lässt. Die Zimmerbühne und das trickreich vielseitige Wohnbett werden zu einer Welt, in der Scherz und tiefere Bedeutung zwei Begriffe für ein und dasselbe sind. So wie Don Quijote auch zweierlei ist: ein Held und eine komische Figur. Das eine schließt das andere nicht aus. Christoph Daigl spielt ihn, den hageren, mageren Edelmann, genauso. Die Rolle ist ihm auf den Leib geschrieben. Anfangs scheint der Blick des Don schon woanders zu sein. Erst in den romantischen Erlebnissen findet er Halt. Seine alterssteifen Glieder sind dann fast so geschmeidig wie früher. Nikolaus Struck gibt den Pfleger als onkelhaften Service-Routinier und wird dann zum bäuerlich schlauen Knappen-Komiker. Allerlei machen die beiden durch. Für Don Quijote werden Träume Wirklichkeit, und Sancho Pansa entdeckt die Phantasie für sich. Am Ende liegt Don Quijote wieder im Bett. Müde und zufrieden schlummert er schnell ein und schnarcht ein wenig. Ob sich so das Glück anhört? Nach einem Schnarchen? Ja, manchmal schon. (Thomas Wirth, FLZ,  04.10.2010)


... über Willst du mit mir Freund sein

Eine Welt aus zwei Koffern.
Neues Stück für Kinder ab drei Jahren lebt von lauter kleinen Überraschungen.

[…] Anne Klinge und Claudia Kucharski mischen in ihrem neuen Stück Schauspiel und Objekttheater. Soll heißen: lauter Dinge werden zu Mitspielern, weil ein Kind – Claudia Kucharski spielt es – mit ihnen hantiert. Ein Mädchen kommt herein, in jeder Hand einen Koffer. Oder vielmehr: Auf einmal steht es in der Tür. Geht auf die Bühne. Fast leer ist die. Nur eine Geschenkschachtel wartet. Ruckzuck geöffnet und gestaunt. Drinnen eine Barbie. Aber wie Barbies so sind: Die sagt keinen Mucks. Stumm und dumm. Nur wenn man den Kopf hin und her ruckelt, knarzt es ein bisschen. Kurz zu viel geruckelt, zu viel geknarzt, o, welch ein Schock, der Kopf ist ab. Plötzlich sitzt er auf dem linken Zeigefinger. Und schau an: auf einmal kann das Püppchen sprechen. Und das Mädchen hat schon die erste Freundin für die Reise gefunden. Gleich auf den großen Koffer gesetzt. Der wird zur Eisenbahn. Und weiter geht’s. Und wen sie dann alles trifft, einen Knuddelbären, einen Sockenfisch, einen gouvernantenhaften Regenschirm, einen Thermoskannen-Pinguin, einen Spülbürsten-Sandwurm. Lauter hübsche Episoden, lauter hübsche Einfälle, lauter Szenen, die einiges mit kindlichen Erfahrungen zu tun haben: Spielen, Streiten, Kranksein, strenge Erwachsene. Ein Vergnügen für sich ist es, wie Claudia Kucharski das Spieleifer-Glück eines Kindes spielt. Schön. […] (Thomas Wirth, FLZ, 23.11.2010)


... über Wunderzeiten

Ausbruchsversuche im schrägen Kinderzimmer.

Lea Schmocker inszeniert mit Tempo, Witz, comichafter Übertreibung und Poesie ein Stück über Pubertätsprobleme.

Alles schwierig, alles blöd: die Mutter, der Lehrer, der Freund – und mit sich selbst ist Dennis auch nicht zufrieden. Große Unsicherheit, große Verzweiflung, große Not. Dennis ist in der Pubertät. Eigentlich läuft alles ganz normal. Aber an dem Punkt, das einzusehen, ist Dennis noch lange nicht. Der dänische Autor Kim Fupsz Aakeson bringt seinen Helden aber sicher und mit himmlischer Hilfe dorthin. […] Jugendstücke, die sich heutig geben, haben eine merkwürdige Dialektik. Wenn sie gut und doch schon etwas älter sind, sieht man ihnen ihr Alter an – und sieht dann gleich wieder darüber weg. Die „Wunderzeiten“ sind von dieser Art. Mobiltelefone und Internet sind in dem Stück von 1994 noch kein Thema. Insofern sind die Jugendlichen von Aakeson nicht mehr ganz von dieser Welt. Macht aber nichts. Weil die Fragen, Sehnsüchte und Ängste in diesem Alter vielleicht doch ziemlich zeitlos sind. Aakeson führt anfangs in „Wunderzeiten“ vor, dass der Stoff eine Tragödie abgeben könnte. Regisseurin Lea Schmocker arbeitet das treffend heraus. Die Figuren stellen sich zu düsterer Musik im Gespräch mit Dennis vor. Sie sind dabei nur als Rückensilhouetten erkennbar. Dennis sitzt derweil in seinem Kinderzimmer wie in einer Gefängniszelle. Ausstatterin Claudia Kucharski hat einen klaustrophobischen Raum gebaut. Gleichzeitig ist er grotesk. Ein durch und durch schräges Zimmer. Das Stück nimmt selbst schnell die Wendung hin zur überdrehten Komödie: Dennis betet, wird erhört. Ein Himmelsbote verleiht ihm einen Zauberfinger. Damit lassen sich seine Wünsche verwirklichen. Was neue Probleme nach sich zieht. Lea Schmocker schafft es in ihrem Regie-Debüt, diese beiden Seiten zu zeigen: das Abgründige im Alltag und das Komische, Humorige, durch das noch die peinlichsten Dinge unpeinlich werden. Man kann über sie lachen, was auch eine Art der Problembewältigung ist, was Distanz und Gelassenheit schafft. Genau darauf läuft das Stück hinaus. Punktgenau kippt die Inszenierung von der grauen Sozialdramatik in eine comichafte Farce – und hat zwischendurch die Muse, die Poesie, die Schüchternheit einer ersten Liebe zu beschwören. Johannes Berg ist als Dennis ein hohlwangiger, großäugiger, hibbeliger, rüttelnder, schüttelnder Zauberfinger-Besitzer, schlacksiges Noch-Kind, Beinahe-Mann. Claudia Kucharski gibt die verhärmte Kittelschürzen-Mutti, die unversehens zum flotten Feger mutiert. Und sie ist eine neugierige, fordernde Freundin. Christoph Daigl skizziert diese drei: den oberlässigen Freund Martin, den sehr merkwürdigen Himmelsboten und setzt obendrauf eine seiner verkniffenen Pädagogen-Karikaturen, den Herrn Spitzer. Der wird aber, dank Dennis’ Mama, zusehends lockerer. Auch das ein Happy End. (Thomas Wirth, FLZ, 09.05.2010)


...über Schulfreunde

Ein Mutmach-Stück zum Mitmachen.

Eingreifen statt wegschauen – Szenen von Lisa Sommerfeldt dienen als Basis für entkrampfte Übungen in Zivilcourage.

Diese Klassenzimmerproduktion ist […] pädagogischer als ihre Vorgänger. Fuchtelt aber trotzdem nicht mit dem Zeigefinger herum. Diese Klassenzimmerproduktion […] bringt einen neuen Tonfall in diese Sparte: Sie packt ein ernstes Thema mit Humor an. Wobei der weniger im Stück steckt als in den Schauspielern. „Schulfreunde“ ist Mutmach-Theater zum Mitmachen: Jeder, der mag, kann ausprobieren, wie sich Zivilcourage anfühlt. Bevor es dorthin geht, wo es hingehört, in die Schulen, war das neue Klassenzimmerstück einmal im Theater Kopfüber zu sehen. […] Regisseur Christoph Daigl lockt die Zuschauer locker aus der Reserve. Lisa Sommerfeldts „Schulfreunde“, ihre zweite Auftragsarbeit für Ansbach, hat er als Basis für ein Klassenzimmerforumtheaterstück“ genommen. Soll heißen: Die Schauspieler fragen bei den Zuschauern nach, was sie jetzt tun würden und bitten sie, es doch gleich mal durchzuspielen. Das funktioniert bei der Premiere bestens und wird es auch im Klassenzimmer. Denn Florian Elschker und Thomas Herr, die Schauspieler, entkrampfen freundlich und witzig die Situation, ermuntern, hören zu, loben, probieren aus, lassen ausprobieren. Sie machen ihre Sache gut. Sie lassen sich auch im Ernstfall nicht aus dem Konzept bringen. Obwohl das eigentliche Stück noch nicht uraufgeführt worden ist, sieht man doch, wie sicher Lisa Sommerfeldt Szenen setzt. Lukas und Emil, zwei ehemalige Schulfreunde, erinnern sich, wie es damals war. Wie Moritz von Jens brutal zusammengeschlagen worden ist, so brutal, als wolle man ihn umbringen. Emil hat nicht eingegriffen. Hätte er natürlich tun sollen. Die Zuschauer können Vorschläge machen, wie es besser gelaufen wäre. Alles klar. Aber dann rollt Lisa Sommerfeldt die Vorgeschichte auf, entlarvt Moritz als Klassenterroristen und zeigt einen Lehrer, der geflissentlich wegschaut. Als die Prügelszene danach wiederholt wird, haben sich die Vorzeichen geändert: Eingreifen, obwohl Moritz so ein mieser Typ ist? Bei der Premiere fallen die Antworten politisch korrekt aus. Wer weiß, was die Schauspieler in den Klassen zu hören bekommen. (Thomas Wirth, FLZ, 29.10.2010)


...über WIE DAS GRÜN AUF DIE WELT KAM

Aus Grau wird bunt: Eine Weltwerdung im Kinderzimmer
Poetisch-heitere Produktion über das Spielen und kindliche Erfahrungen


„Wie das Grün auf die Welt kam“ ist ein eigenartig schönes Stück, still, poetisch, konzentriert und mit feinem Humor. (...) Ein Stück über Welterfahrung und Weltaneignung (...) über eine Weltschöpfung im Kleinen. (...)
Und das muss man gesehen haben. Es ist in Anne Klinges Inszenierung ein Augenblick von unglaublich theatraler Kraft, dabei aber sehr simpel. Mitten im allergrausten Kinderzimmergrau liegt, wie aus einer anderen Dimension gefallen: ein knallgelbes Postpaket. Das ist ein Umschlagspunkt wie der, als jemand vor Urzeiten feststellte: „Und es ward Licht.“ (...) Nicht genug des Glücks. Vom Himmel senkt sich ein kleiner Fesselballon herab: das reine Blau. Gris Hände werden blau. Blau und gelb. Gelb und blau. Und man ahnt jetzt, wie das Grün in die Welt kommt. (Thomas Wirth, FLZ, 23. November 2009)


... über KOMA

Zoom in die Seele einer jungen Frau

(...) Lisa Sommerfeldts Monolog für eine junge Schauspielerin packt in eine dreiviertel Stunde ein ganzes Pubertätsschicksal. Alkohol und Rauschtrinken sind nicht das eigentliche Thema, sondern die Folge persönlicher Nöte. In „Koma“ zoomt Lisa Sommerfeldt in Maries Seele hinein, setzt ein Bild zusammen. Davon, wie es geschehen kann, dass sich ein Mädchen aus Selbstzweifeln, Schwestern-Konkurrenz, Liebeskummer und Gruppendruck in eine Situation bringt, die lebensgefährlich wird. „Koma“ hat – in Klassenzimmern gespielt – viel Identifikationspotenzial zu bieten und wird daher als hoch emotionaler Gesprächsöffner taugen. Das Stück lässt einen nicht kalt, weil jeder das, was Marie umtreibt, kennt. Man würde es unterschätzen, wollte man es als didaktisches Präventionstheater abtun. Da steckt mehr drin. Der Text behauptet sich mit seiner künstlerischen Eigenständigkeit. Der Realismus, den Lisa Sommerfeldts Text zunächst vorgibt und den Claudia Kucharskis Kostüm für Marie verstärkt, ist surreal gebrochen. Immer wieder gleitet Maries Sprache auf eine Kunstebene hinüber und schafft ein allegorisches Netz voller Todesbezüge. (...) So wie der Text zwischen Alltagsrealismus und einer versteckt poetischen Überhöhung changiert, so auch die Figur der Marie, die gleichsam beim Erinnern neben sich tritt. Andrea Fincke spielt sie mit großer Intensität. Genau gesetzt die Ruhepunkte, Momente verstörten Schweigens. Zusammen mit Regisseur Christoph Daigl zeichnet Andrea Fincke wandlungsfähig eine junge Frau, nicht mehr Kind, noch nicht erwachsen, eine 15-Jährige zwischen Selbstaufgabe und Selbstbehauptung, zwischen unerfüllter Sehnsucht und ersten sexuellen Erfahrungen. Diese Marie hat Witz und Wut, wenn sie ihre große Schwester karikiert. Sie wimmert und schreit vor Todesangst, als der Alkohol ihren Körper vergiftet... und am Ende erzählt Marie vom fallenden Schnee – fast ein Bild vom Frieden. Oder eins vom Tod.

(Thomas Wirth, FLZ, 23.10.09)

… über DONNERWÄTTER

Sacht über den Wolken
Kluge, humorvolle und einfallsreiche Inszenierung


Über den Wolken ist die Freiheit doch nicht so grenzenlos. Streng geregelt, um nicht zu sagen pedantisch geht es auf der Einpersonenwolke des Schutzengels Offiziel zu. Für ihn ist alles in blitzblanker Ordnung. So könnte es ewig weitergehen. Bloß flattert eines Tages Agricola herein. Große Not. (...) Sie braucht einen Unterschlupf (...). Dass sie zu Offiziels Entsetzen gleich einmal den weiß-blauen Wolkenflausch mit Popcorn vollkrümelt, ist nur der Anfang der Probleme. (...) Inszeniert hat das Stück Rafael Badie Massud. Klug, bedächtig, voller feiner Einfälle und starker Bilder. Mitunter haben die mystisch fremde Dimensionen, wenn sich die Videoeinspielungen, die Jürgen Meyer produziert hat, mit den Realszenen verbinden. Das stärkste Bild ist der Zuschauerraum selbst. Claudia Kucharski hat ihn in ein Rundum-Bühnenbild verwandelt. Überall wattiges Weiß und himmlisches Blau. Kucharski fliegt die Zuschauer hinauf zu den Wolken. Dort schweben sie in schöner Zeitlosigkeit und schauen den Engeln bei ihren Beziehungs- und Berufsproblemen zu. (...) Regisseur Rafael Badie Massud hat seine Inszenierung mit Anspielungen gespickt und mit Tiefenschichten unterkellert, so dass das Stück auch für Erwachsene zum denkanregenden Stündchen wird. Das ist freilich nur eine Zugabe. Das Stück funktioniert auch ganz direkt auf Kinderebene, ist witzig, humorvoll und spannend. (...) Christoph Daigl gibt ein hyperventilierendes, sauertöpfisch penibles Schutzengel-Sensibelchen, das einen englischen Butler behütet. In den Video-Sequenzen zeichnet er von dem ein bestürzend tragikomisches Portrait. Ein lebenslang Zukurzgekommender, der dringend eine neue Stelle braucht (und sie bekommt). Claudia Kucharski setzt eine gruschelig-herzliche Agricola dagegen. Die hat alle Hände voll zu tun, um die kleine tatendurstige Linda (im Video: Anna Koch) aus gefährlichen Situationen zu retten. Als sie wegen eines versengten Flügels nicht helfen kann, springt Offiziel ein. Spätestens da ist das Eis gebrochen. Aus den zwei kann noch was werden.

(Thomas Wirth, FLZ, 29.09.09)

… über BUBE, DAME... FROSCH!

Verwandeltes Verwandlungsmärchen
Kinderstück kitzelt die Weisheit und Modernität eines Grimm-Klassikers heraus

Es gibt Hoffnung. Das ist die Botschaft, die von diesem Stück ausgeht und allen Eltern gilt, deren Eltern in der Pubertät sind. Oder noch erst hinein kommen. Oder scheinbar nie mehr heraus. Den Brüdern Grimm sei Dank, und dem Theater Kopfübe, das zeigt, wie viel Weisheit und Modernität in dem alten Märchen vom Froschkönig steckt. […] Dabei ist es in erster Linie ein Kinderstück, das Christoph Daigl geschrieben hat und sich der Motive aus dem Märchen bedient. Genauer gesagt eine Beziehungskomödie für Kinder und Jugendliche. Weil aber so viel Eigenes drinnen steckt, ist es eine Uraufführung und keine Premiere. Zu sehen sind zwei Kinder im Niemandsland zwischen Kindheit und Jugend, zwischen Spieluhrmusik und Schminken, zwischen Hardrock und Märchen. Claudia Kucharski als "Dame" und Florian Elschker als "Bube" zeigen zwei Kinder auf dem Weg der Wandlung; aufgedreht, versöhnlich, offen. [...] Doch zuerst langweilen sich die beiden in ihrem grellbunten Kinderzimmer - bis sie auf die Idee kommen, das Märchen vom Froschkönig nachzuspielen. Das genau ist auch der Aufhänger für alles, was dann passiert: das Spiel. Nichts ereignet sich an den beiden, sie lassen es ereignen, und nur so entsteht Veränderung: im gemeinsamen Spiel. Da blitzt Schiller auf: "Der Mensch ist nur ganz Mensch, wo er spielt." Hier müsste man erweitern und sagen: Der Mensch wird nur da zum ganzen Menschen, wo er spielen kann. Wo er sich ausprobieren kann, wo er scheitern darf, wo er überhaupt sein darf. Das Spielhafte fängt schon damit an, dass beide die Rollen tauschen. Das bringt Leben auf die Bühne, Klamauk und Slapstick. Aber auch eine Menge Einsicht in feststehende Verhaltensmuster. Wie Christoph Daigl die Dramenkette der Gebrüder Grimm aus Notlage-Vertrag-Widerwärtiges-Gewalt-Verwandlung knackt und sie zeitgemäß adaptiert, das hat schon etwas Begnadetes. [...] Dem Märchen vom Froschkönig hätte man nicht zugetraut, dass es sich so verändert - so speedy, keck und generationen-kompatibel. Selten waren Hoffnung und Witz, Trost und Klamauk so nah beieinander.
 (Martin Stumpf, FLZ,  28./29.3.09)


… über SCHATZINSEL

Die ironische Essenz einer Abenteuergeschichte

Daigl spielt gewitzt mit den Klischees des Genres. Ausstatterin Kucharski holt das Meer herein

[…] Ein tolles Spektakel im Spektakel. […] Daigl hat aus dem dutzendfach dramatisierten und verfilmten Roman eine sehr daiglsche Fassung gemacht. Das heißt: Es ist ein ebenso spannendes wie gewitztes Kinderstück geworden: reflektiert, wortspielerisch, derb, ironisch und voller Überraschungen. [Die Phantasie] muss sich hier bewegen. Und sie tut es. Weil Christoph Daigl als Regisseur und Claudia Kucharski als Ausstatterin sie ständig anstoßen, sie munter kitzeln, oder einfach aufs weite, weite Meer hinauskatapultieren. So einfach und klar, so lustvoll spielerisch, so intensiv erzählen sie, dass man glatt das Salz in der Luft zu schmecken meint. […] Die Inszenierung und Kucharskis gemaltes, trickreiches Bühnenbild schaffen Atmosphäre und starke Bilder. Und nicht zuletzt Heiner Bomhards Musik, seine Lieder und Akkordeon-Einsprengsel als Szenenuntermalung: die Enge einer Kaschemme, die Freiheit des Meeres, die gefährliche Schönheit der Inselwelt – alles da. Und nachts leuchten die Sterne über dem Schiffsdeck. Tatsächlich, ein Schiffsdeck samt Steuerrad und Rahe hat im Kopfüber Platz. Claudia Kucharski gibt ihren Jim Hawkins ohne grobe Überzeichnung, ein Bilderbuch-Junge. Gut trifft sie seine Angst, als er sich vor den Piraten versteckt. Florian Elschker ölt seinen Long John Silver mit freundlicher Gerissenheit ein. Heiner Bomhard ist ein herrlich versoffener krakeliger Bill Bones, ein trotteliger Pirat und ein beinahe heldischer Squire Trelawney. Beinhae heldisch – weil Bomhard den Squire zunächst wie das Ideal eines jugendlichen Helden aussehen lässt, zugleich aber britische Blasiertheit und ein paar Beschränktheiten hineinmischt. Kurz, ohne den gewieften Jim Hawkins wäre der aufgeschmissen – eine schöne Botschaft für ein Kinderstück. (Thomas Wirth, FLZ,  29.9.08)



...über Max und Moritz

Junge Zuschauer halten zu „Bösewichten“ - Viel Lust am Slapstick und Possenreißen – Bühnenbild mit kühnem Strich – Neue Perspektive

1865 erschien „Max und Moritz“. […] Seit [2008] kann man im Ansbacher Theater Kopfüber das Werk in der Bearbeitung von Christoph Daigl aus einer neuen Perspektive sehen. […] Der Trick dazu beginnt schon ganz am Anfang. Eigentlich noch davor. Denn das Stück hat einen offenen Anfang. Max und Moritz kommen herein, machen sich mit den Kindern bekannt, einige harmlose Späße im Gepäck. […] Damit sind die Fronten schon geklärt. Die Kinder halten zu den „Bösewichten“. Den Rest besorgt die Inszenierung von Sylvia Kühn. Kreuzlahme Spießer sind das allesamt, auf die die beiden aufgeweckten Kinder stoßen. Eine Alte, der ihre Haustiere das Wichtigste sind. Kinderfeindliche Typen, Ordnungsfanatiker, Egozentriker, Sabberköpfe. Selbst der liebe gute Onkel Fritz ist eigentlich einer, der nur seine Ruhe will und die Kinder entsprechend abrichtet. Christoph Daigl schlüpft sprichwörtlich in all diese Opferrollen, denn viele Verwandlungen erfolgen auf offener Bühne. Das ist schlau, denn so kann ihn kein Kind mehr enttarnen und man darf die raffinierten Verwandlungen sehen. Mit wenigen klaren Gesten, knapp bemessener Mimik und unterhaltsamen Sprech-Charakteristiken gelingen ihm lustige Typen. Das Bühnen bild ist mit kühnem Strich gemalt. Ein Rahmen, der mal eine Tafel, meistens aber eine Tür ist und drinnen von draußen trennt. Ein windschiefes Kasten-Etwas, das Schulpult, Brücke und Mehlkiste ist. Überhaupt die Bühnentechnik: Da gibt es geheimnisvolle Klappen, eine Drehbühne, eine Rutsche und sogar einen echten Wassergraben. Da hat Claudia Kucharski (Ausstattung) auf wenigen Quadratmetern ein Theatertechnikparadies erschaffen. Pfiffig, wie aus der Bettdecke von Onkel Fritz der Meister Bäcker und aus dem Bettgestell ein Verkaufstresen wird. Sabine Müller als Max und Claudia Kucharski als Moritz brauchen wenig Sprache, um zu zeigen, wie gut sie sich verstehen. […] Mit viel Lust an Slapstick und am Possenreißen bringen sie die zwei Strichmännchen in Schwung. Ihre Figuren sind keine Übeltäter, sondern Kinder, denen langweilig ist. Am Ende geht es den beiden trotzdem an den Kragen. „Rickeracke, Rickeracke / Geht die Mühle mit Geknacke.“ Da macht sich Bauer Mecke so seine Gedanken: „Ohne alle diesen dollen Streiche / ist das Leben jeden Tag das gleiche.“ Er holt die Spritzblume raus und albert damit herum. Soll heißen: Hey, Leute, ein bisschen Ausgelassenheit macht das Leben bunter. Von dieser Botschaft haben auch die Erwachsenen etwas. (Martin Stumpf, FLZ, 24./25. Mai 2008 )



… über HEUL DOCH!


Mobbing-Stück von Rafael Badie Massud

Starke Leistung von Regisseur Christoph Daigl und Schauspieler Florian Elschker

[…] „Heul Doch!“ ist nicht im Theater zuhause. Rafael Badie Massud hat es für andere Orte geschrieben: für Klassenzimmer. Der Eindruck den die mobile Klassenzimmer-Produktion im Theater Kopfüber bei der Premiere hinterlässt, ist trotzdem stark. Das Stück macht nicht betroffen. Es trifft einen. […] Ein Mann, Rudolf Becker heißt er, erzählt aus seiner Jugend, vom Umzug in eine andere Stadt, von der neuen Klasse, von Typen, die ziemlich fies und feige sind und andere piesacken, demütigen, quälen und erpressen. Es dauert nicht lange, dann ist er einer von ihnen. Der Rudi, eigentlich ein sympathischer Kerl, macht mit, ohne dass er es will. Aber er macht mit. Einsamkeit, Gruppendruck. Warum auch immer. Er macht mit, nicht ohne Spaß dabei. Rutscht halt so rein. Er würde da noch schneller abrutschen, wäre da nicht eine schüchterne Liebe: Adina heißt das Mädchen […]. Sie zeigt ihm, was für einen Mist er baut. Sein Vater sieht so etwas nicht. Für die Probleme seines Sohnes hat er keine Zeit, nach der Scheidung wahrscheinlich noch weniger als früher. Rafael Badie Massud […] schickt seinen Anti-Helden dabei auf eine emotionale Berg- und Talfahrt – und die Zuschauer auch. Spannend, beklemmend, berührend. Regisseur Christoph Daigl und der Schauspieler Florian Elschker machen ein vielstimmiges und rasantes Solo daraus. Straff der Spannungsbogen, schnoddrig, direkt, realistisch der Tonfall. Elschker zieht einen in die Geschichte hinein, packt einen – und lässt nicht mehr los. So wie er erzählt und spielt, entstehen die Szenen und Bilder wie von selbst, bildhaft auch ohne Dekoration. Das wird selbst in einem Klassenzimmer funktionieren. (Thomas Wirth, FLZ,  25./26.10.08)


über KASPAR HAUSER

Wissen und Stoff fürs Herz

Wir sehen mit André Sultan Sade einen Kaspar, den die Kinder schnell als einen der ihren annehmen: Etwas wuschelige Haare, die Erwachsenen nachäffend und der aktuellen Kindersprache nahe. In Rückblenden erzählt er die wichtigsten Begebenheiten [seines Lebens] […] Im fliegenden Wechsel schlüpfen Claudia Kucharski und Christoph Daigl in eine Vielzahl von Rollen, denen sie mit knapp gezielter Gestik, präziser Sprachwahl und üppiger bis bilderbuchhafter Ausstattung ins Leben helfen. […] „Kaspar Hauser“ geht über Wissensvermittlung weit hinaus. Es bietet Denkstoff für das Herz: Kapsars einziger Trost ist seine vage Erinnerung an seine Mutter, die ihm im Traum […] erscheint. Schöner Effekt, wenn sie hinter einer halbtransparenten Gaze-Bespannung erscheint, auf der bei Front-Beleuchtung der Martin-Luther-Platz zu sehen ist, bei Rückbeleuchtung schemenhaft eben das Mutter-Bild, die „Mama-Fee“, wie Kaspar sie nennt. […] Im Stück erscheint dann tatsächlich die Mama-Fee, und Kaspar stürzt sich in ihre Arme. In der Umarmung mit der Frau in Weiß oder – so würden Erwachsene es lesen – mit dem Tod, ist Kaspar dann geborgen. Von der Geburtshöhle in die Todeshöhle. Die Erwachsenen wissen es und die Kinder können es fühlen, dass die Geschichte noch mehr birgt, als sie heute erfahren. Nicht auf der Gefühlsebene, da ist alles gesagt, aber auf der Wissensebene. Umgekehrt wissen die Kinder, dass das mit dem Kaspar eine ganz große Geschichte ist. Und die Erwachsenen fühlen, dass sie hier, an diesem Ort, an diesem Theater, noch nicht zu Ende ist. Stürmischer Applaus und Bravo-Rufe.“ (Martin Stumpf,
FLZ 22./23.7.06)



Über (Keine) Angst

Spannende Experiment im Episoden-Laboratorium

Den Titel „(Keine) Angst“ kann man als Kurzformel für die ganze Produktion nehmen. […] Die Zuschauer sind hier mehr gefordert als sonst im Theater. Zuschauen allein gilt nicht. Mitdenken, Mitreden und Mitspielen gehören auch dazu. Keine Angst also: Rauf auf die Bühne und mithelfen, die Angst kleinzukriegen. Darum geht’s. […] Der szenische Aufwand dafür ist nicht groß: Claudia Kucharski hat die Ausstattung auf ein prägnantes Minimum reduziert. Wechselnde Klamotten, ein paar Requisiten und drei echte Flugpassagier-Sessel, die sich in Sofas verwandeln können, reichen für die Angst Episoden. Wie taut man einen schneidend kaltherzigen Vater auf? Wie wird man einen Schulhof-Erpresser los? Wie beruhigt man einen, den seine Vorurteile bis an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben? Wie spricht man mit einem, den die Angst vor dem Tod gepackt hat? Solche Dinge spielen Alex Teubner und Christoph Daigl an. Sehr souverän tun sie das, wandlungsfähig und ungeschminkt authentisch. Die Szenen sind wie aus dem Leben geschnitten. Und Daigl und Teubner sprechen wie die meisten ihrer Zuschauer: fränkisches Umgangshochdeutsch. Sie erreichen dabei mitunter eine Intensität, die weh tut – so glaubwürdig sind die Szenen. […] Wie passgenau sie in ihre Figuren geschlüpft sind, wird sichtbar in den Szenen, die sie mit Jugendlichen improvisieren. Der Dreh und die Hauptsache des Stücks sind ja, dass Klugdaherreden nicht reicht. Man muss schon seinen sicheren Platz im Zuschauerraum verlassen und ein bisschen Courage zeigen. Bei der Premiere klappt das verblüffend gut. Daigl und Teubner animieren die Jugendlichen, sich einzumischen. Nachdem das Eis gebrochen ist, tun die das auch, überlegt bis witzig, ehrlich, echt und engagiert. […] Das Theater Kopfüber wird so zum angstfreien Raum, zum Laboratorium, in dem mit dem Leben selbst experimentiert werden kann. Wo gibt’s das sonst? (Thomas Wirth, FLZ 30.10.2006)




Über Rotkäppchen

Traumpaar im Wald. Witzig-zärtliche Geschichte flott erzählt

Dieses Rotkäppchen ist eines von der supercoolen Sorte: trägt zum roten Barett rote Schühchen mit Totenkopf-Muster, legt beim Staubsaugen schon mal eine Shownummer auf den Teppich und bringt dem Wolf im Wald das Brüllen bei… so steht es natürlich nicht bei den Grimms. Das ist der Witz daran. Christoph Daigls Stück […] spielt frech wie Rotkäppchen mit dem Original, um dann eine ziemlich andere Geschichte zu erzählen. Komisch und anrührend: eine Geschichte für Vor- und Grundschüler übers Größerwerden und darüber, dass Mädchen und Jungen sich nicht bloß blöd finden müssen. […] Daigl holt ironisch und trotzdem sehr ernsthaft das Märchen in die Gegenwart. Schau an: Rotkäppchen ist anfangs ein rotzig-punkiges Gör; der Wolf – Daigl spielt ihn selbst – ist zunächst ein netter Verlierertyp, bisschen Verklemmt, schüchtern vielleicht, hat aber eine fürsorgliche Ader und unerwartete künstlerische Talente: Als das Rotkäppchen traurig ist, tröstet er es mit kleinen Zaubertricks. Schöne Szene, poetisch und zärtlich. Spätestens da ist klar, dass die zwei sich gern haben. Mehr noch: Die Liebe verwandelt sie. Rotkäppchen wird umgänglicher, der Wolf selbstbewusster. Christoph Daigl blendet also die archetypischen Züge des Märchens aus und verwandelt den Wolf – im Märchen vollkommen legitim eine Allegorie für das Böse – in einen älteren Jungen, der glaubt sich wölfisch geben zu müssen. Eine sinnige Umdeutung. Bernd Schramms Inszenierung bringt all das einfallsreich und mit Schmackes auf die Bühne. […] Sabine Müller spielt das Rotkäppchen realitätsgesättigt, sehr heutig und punktgenau. Eine prima Stimme hat sie obendrein. Christoph Daigl ist ein herrlich räudiger Wolf mit empfindsamer Seele. Und Claudia Kucharski stellt zwei comedy-schräge Volkstheatertypen in die Szene – eine Hippie-Großmutter mit getuntem Gehwägelchen und einen tumben Jäger. Staunenswert und trickreich ist, was Claudia Kucharski mit dem aufklappbaren Riesenbilderbuch-Bühnenbild in den kleinen Guckkasten bringt: Wohnung, Wald und Großmutter-Heim – einmal umblättern, schon bist Du woanders. Da wird zum Bild, was für dies ganze Produktion gilt: Märchen trifft Moderne. Daraus entspringt Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Rundum ein Spaß für Klein und Groß. (Thomas Wirth, FLZ 19./20.5.07)



...über Geschichten von Bär und Tiger

Pelzige Freunde auf Glückssuche
Werner Müller inszeniert urgemütliches Stück für Kinder ab vier und kitzelt mit den Schauspielern Poesie und Komik heraus

[...] Werner Müller inszeniert sein Stück wie einen bedächtigen Gegenentwurf zum Krachbumm-Aktionismus von Film und Fernsehen und inszeniert vor allem etwas sehr Seltenes: eine Atmosphäre. Diese Produktion ist eine bedächtige, sehr behagliche, wohlige, urgemütliche, eine, in die man sich wie in ein dickes weiches Sitzkissen plumpsen lassen kann. [...] Es liegt auch etwas rührend Unzeitgemäßes in der Luft, weil jemand am Klavier sitzt, ja, tatsächlich an einem echten Klavier, keinem E-Piano, und darauf vor allem Mozart spielt. Elena Eismont tut das fein und zart. [...] Das Bühnenbild und die Kostüme von Claudia Kucharski retten Janoschs räudigen Charme auf die Bühne herüber. So klein die ist, ist sie doch voller kleiner skurriler Details, halb gemalt, halb real. Kucharski zaubert außerdem ein Raumwunder auf die Zimmerbühne. Wenn Bär und Tiger sich nach Panama aufmachen, dreht sich ihr gutes Haus zur Seite und die Bühne bekommt plötzlich Tiefe. Man schaut in den Wald und prompt dehnt sich die weite Natur ins Zimmertheater hinein. [...] Der Bär und der Tiger sind ein Komikerpaar wie einst Wladimir und Estragon - nur haben sie mehr Sonne im Gemüt. Christoph Daigl entdeckt im Tiger melancholische Züge, ein kleiner Hauch von Diven-Tragik umweht ihn. Und Alex Teubner ist ein brummknuddelbrummiger Tappsprachtbär. Allerliebst. (Thomas Wirth, FLZ 12.10.07)




... über DORNRÖSCHEN

Ironisch gebrochenes Spiel mit einem Papiertheater und seinen historischen Bildern

Auch so ein Theaterwunder: Auf einmal stehen lauter Riesen um einen herum – und man ist selber einer. Das ist nur eine Frage der Bezugsgröße. Und die gibt bei dieser Premiere das neue Theaterchen und sein Winzling-Ensemble vor. Am Sonntag wurde es eröffnet. Das Theater Kopfüber spielte „Dornröschen“ in einem alten neuen Papiertheater. Kopfüber wäre nicht Kopfüber, würde es in seinem Papiertheater, das ein täuschend echter Nachbau eines gut hundert Jahre alten Originals ist, nur schöne, tiefengestaffelte Bilder arrangieren und dazu die Geschichte mit verteilten Rollen und verstellten Stimmen erzählen. Der Kopfüber-Ansatz ist eine anderer. Der gewinnt die Poesie und die Dramatik, die im Papiertheater einst steckte, über einen Umweg zurück, über den Umweg der offenen Spielweise und einer sehr heutigen, ironischen Märchen-Bearbeitung. Sie stammt von Christoph Daigl, der auch das Stück inszeniert hat. Jürgen Eick, im Hauptberuf eigentlich Intendant des Theater Ansbach, und Claudia Kucharski vom „Kopfüber“ sitzen für jeden sichtbar links und rechts neben der Klein-Bühne. Sie spielen mit den Figuren und auch selbst mit, sie wechseln die Ebenen: von der Menschen-Ebene hinein auf Tischtheater-Größe und wieder zurück und wieder heraus. Die Schauspielmusik dazu macht Eick auf der Ukulele. Das bricht den Illusionismus, den die historischen Papiertheater erstreben, und öffnet neue Möglichkeiten: Der Auftritt der bösen Fee ist unheimlicher nicht zu denken. Eick mimt sie: schwarzer Hut, knochige Maske vor den Augen, später raucht es noch, und die finstere, riesige Menschen-Fee starrt von hinten ins Theaterchen hinein. Oje, das arme Papier-Dornröschen. Am Ende ist freilich wieder alles gut und alle sind froh – man sieht’s den kleinen Zuschauern an. (Thomas Wirth, FLZ, 22.7.2008)